Die Degeneration der Hierarchien
Warum Eliten verfallen müssen — vom Feudalismus bis zur Gegenwart
I. Das Gesetz
„First-rate people hire first-rate people; second-rate people hire third-rate people."
— Leo Rosten
Dieser Satz beschreibt keinen Einzelfall. Er beschreibt einen Mechanismus — eine Gesetzmäßigkeit, die in jeder Hierarchie wirkt, in jedem Zeitalter, in jeder Kultur.
Das Gesetz ist asymmetrisch: Erstklassige Menschen haben kein Problem damit, andere Erstklassige um sich zu versammeln. Sie sind sicher genug, um Konkurrenz nicht zu fürchten. Sie wissen, dass Exzellenz Exzellenz anzieht.
Zweitklassige Menschen können das nicht. Sie spüren ihre eigene Mittelmäßigkeit — bewusst oder unbewusst. Sie wissen, dass ein Erstklassiger sie entlarven würde. Also stellen sie Drittklassige ein: Menschen, die keine Bedrohung darstellen. Menschen, die sie nicht überschatten können. Menschen, die dankbar sind und loyal.
Der Mechanismus
Generation 1: Erstklassig → stellt Erstklassige ein
Generation 2: Erstklassig → aber einer ist zweitklassig
Generation 3: Der Zweitklassige steigt auf → stellt Drittklassige ein
Generation 4: Drittklassig → stellt Viertklassige ein
Generation 5: Das System ist nicht mehr funktionsfähig
Das ist keine Metapher. Das ist ein Ratscheneffekt. Die Qualität kann nur sinken, nie steigen — denn niemand stellt jemanden ein, der besser ist als er selbst.
II. Der Feudalismus — Die erste Degeneration
Beginnen wir am Anfang. Wie entstanden die europäischen Adelshäuser?
Nicht durch Geburt. Durch Gewalt.
Die ersten Feudalherren waren Krieger. Männer, die kämpfen konnten, die Land eroberten, die es verteidigten. Sie waren — in einem sehr spezifischen Sinn — erstklassig: Sie konnten etwas, das andere nicht konnten. Sie hatten eine Fähigkeit, die Macht begründete.
Karl der Große war kein gebildeter Mann. Er lernte erst spät lesen. Aber er konnte ein Reich zusammenhalten, Armeen führen, Allianzen schmieden. Das war seine Erstklassigkeit.
Dann kam die Vererbung.
Phase 1: Der Gründer
Der erste Graf, der erste Herzog, der erste König — er hat sich seine Position erkämpft. Er ist erstklassig in dem, was zählt: Krieg, Strategie, Führung.
Phase 2: Die Söhne
Sie erben die Position, nicht die Fähigkeit. Manche sind noch kompetent — sie wurden vom Vater ausgebildet, haben Schlachten geschlagen. Andere sind es nicht. Aber alle erben.
Phase 3: Die Enkel
Sie kennen nur noch den Hof. Der Krieg ist abstrakt geworden. Die Fähigkeiten, die die Dynastie begründeten, sind verschwunden. Was bleibt, ist Etikette, Intrige, Zeremonie.
Ibn Khaldun, der arabische Historiker des 14. Jahrhunderts, formulierte ein Gesetz: Dynastien halten vier Generationen. Die erste Generation erobert. Die zweite konsolidiert. Die dritte genießt. Die vierte verliert.
Das ist der Ratscheneffekt in Zeitlupe.
III. Die Aristokratie — Die institutionalisierte Mittelmäßigkeit
Im Hochmittelalter wurde der Adel zur Institution. Die Vererbung wurde zum System. Der Zufall der Geburt ersetzte die Auslese durch Fähigkeit.
Das Ergebnis war vorhersehbar: Eine Kaste, die ihre Position nicht mehr verdienen musste. Die sie einfach hatte — durch Blut, durch Titel, durch Landbesitz.
Die Aristokratie entwickelte Schutzmechanismen gegen ihre eigene Degeneration:
Erziehung — der Versuch, Exzellenz durch Bildung zu erzwingen. Latein, Fechten, Reiten, Staatskunst. Aber Erziehung kann Talent nicht ersetzen. Sie kann einen mittelmäßigen Menschen polieren, nicht verwandeln.
Heiratspolitik — der Versuch, durch strategische Verbindungen „gutes Blut" zu sichern. Aber Genetik funktioniert nicht so. Die Habsburger Unterlippe ist das sichtbare Symbol eines tieferen Verfalls.
Ehre — ein Kodex, der Verhalten erzwingt, wo Charakter fehlt. Aber Ehre ohne Substanz wird zur Farce. Das Duell als Ersatz für echte Integrität.
„Der Adel ist eine Einrichtung, die dazu dient, die Erinnerung an Menschen zu bewahren, die ihre Nachkommen beschämen würden, wenn diese ihrer noch gedächten."
— Chamfort
IV. Das Bürgertum — Die Illusion der Meritokratie
Die bürgerlichen Revolutionen — 1789, 1848 — versprachen das Ende der erblichen Hierarchie. Nicht Geburt sollte zählen, sondern Leistung. Nicht Blut, sondern Verdienst.
Die Idee war richtig. Die Umsetzung war eine Täuschung.
Was passierte wirklich? Eine Aristokratie wurde durch eine andere ersetzt. Statt Landbesitz: Kapital. Statt Adelstiteln: Firmennamen. Statt Wappen: Marken.
Und der Ratscheneffekt wirkte weiter.
Die Gründergeneration
Krupp, Siemens, Bosch, Thyssen — Männer, die etwas bauten. Die Fabriken errichteten, Technologien entwickelten, Märkte schufen. Sie waren erstklassig in einem neuen Sinn: nicht Krieger, sondern Unternehmer. Aber die Logik war dieselbe. Sie konnten etwas, das andere nicht konnten.
Die Erben
Die zweite und dritte Generation erbte die Unternehmen, nicht die Fähigkeiten. Manche führten gut. Viele nicht. Die Firmen wurden groß und träge. Die Dynamik verschwand. Was blieb, war Verwaltung.
Die bürgerliche Gesellschaft hat den Geburtsadel abgeschafft — und durch einen Geldadel ersetzt, der denselben Gesetzen unterliegt.
V. Die Manager-Klasse — Die dritte Degeneration
Im 20. Jahrhundert trennte sich Eigentum von Führung. Die Aktiengesellschaft wurde zur dominanten Form. Nicht mehr der Eigentümer führte das Unternehmen — der Manager tat es.
Das sollte die Lösung sein. Professionelle Führung statt ererbter Inkompetenz. Ausbildung statt Geblüt. Karriere statt Geburt.
Es wurde das Gegenteil.
Der Manager ist niemandem verpflichtet außer seiner eigenen Karriere. Er bleibt fünf Jahre, vielleicht zehn. Er optimiert für seine Amtszeit, nicht für die Ewigkeit. Er hat keinen Grund, Erstklassige einzustellen — sie könnten seinen Job wollen.
Die Manager-Selektion
Wer wird Manager? Nicht der Fähigste. Der Angepassteste.
Der, der die richtigen Signale sendet. Der keine Feinde macht. Der im Meeting gut aussieht. Der die Sprache spricht, die Vorgesetzte hören wollen.
Exzellenz ist verdächtig. Sie stört. Sie stellt Fragen. Sie macht unbequem.
Mittelmäßigkeit ist sicher. Sie fügt sich ein. Sie bedroht niemanden.
Das Ergebnis: Der Ratscheneffekt beschleunigt sich. Nicht mehr vier Generationen — jetzt vier Management-Ebenen. Die Degeneration vollzieht sich nicht mehr in Jahrhunderten, sondern in Jahrzehnten.
VI. Die Bürokratie — Die vierte Degeneration
Max Weber sah die Bürokratie als Fortschritt: Rationale Herrschaft statt traditionaler. Regeln statt Willkür. Kompetenz statt Vetternwirtschaft.
Er irrte.
Die Bürokratie ist nicht das Ende der Degeneration. Sie ist ihre Vollendung.
In der Bürokratie wird der Ratscheneffekt zum Prinzip erhoben:
Seniorität — nicht Fähigkeit bestimmt den Aufstieg, sondern Dienstzeit. Wer lange genug wartet, steigt auf. Unabhängig von Leistung.
Formale Qualifikation — der Doktortitel ersetzt die Kompetenz. Das Zertifikat ersetzt die Fähigkeit. Man prüft Papiere, nicht Menschen.
Risikominimierung — jede Entscheidung muss abgesichert sein. Innovation ist Risiko. Also keine Innovation. Stillstand ist sicherer als Bewegung.
„In einer Hierarchie tendiert jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Inkompetenz aufzusteigen."
— Laurence J. Peter, Das Peter-Prinzip (1969)
Das Peter-Prinzip beschreibt das Endstadium: Eine Organisation, in der jede Position von jemandem besetzt ist, der für sie nicht qualifiziert ist. Der auf der vorherigen Stufe kompetent war — und befördert wurde, bis er es nicht mehr ist.
VII. Deutschland 2026 — Das Endstadium
Was wir heute in Deutschland beobachten, ist kein Zufall. Es ist das logische Ergebnis von vier überlagerten Degenerationen:
Die Reste des Feudalismus in den alten Familienunternehmen, die seit Generationen von Erben geführt werden, die nichts mehr können außer erben.
Die bürgerliche Stagnation in den Industrien, die auf Erfolgen des 19. Jahrhunderts ruhen und seitdem nichts Neues hervorgebracht haben.
Die Manager-Krankheit in den Konzernen, wo seit Jahrzehnten Karrieristen Karrieristen befördern und jede Spur von Unternehmertum erstickt wurde.
Die Bürokratie-Lähmung im Staat, wo das Peter-Prinzip zur Staatsräson geworden ist und jede Behörde von Menschen geführt wird, die für ihre Position nicht qualifiziert sind.
Alle vier Degenerationen wirken gleichzeitig. Sie verstärken sich gegenseitig. Sie bilden ein System, das Exzellenz systematisch ausstößt und Mittelmäßigkeit systematisch belohnt.
Das deutsche System 2026
Wer in diesem System erfolgreich sein will, muss lernen:
— Nicht aufzufallen
— Nicht zu widersprechen
— Nicht besser zu sein als der Vorgesetzte
— Nicht zu früh recht zu haben
— Nicht zu zeigen, dass die anderen unrecht haben
Die Erstklassigen gehen. Ins Ausland. In die Selbständigkeit. In die innere Emigration. Was bleibt, ist — nach dem Rosten-Gesetz — drittklassig.
VIII. Gibt es einen Ausweg?
Historisch gab es nur zwei Mechanismen, die den Ratscheneffekt unterbrachen:
Katastrophen — Kriege, Revolutionen, Zusammenbrüche. Sie fegen die degenerierten Eliten hinweg. Neue Erstklassige steigen auf. Der Zyklus beginnt von vorn. Das ist teuer. Millionen sterben. Alles muss neu gebaut werden.
Parallelstrukturen — Neue Hierarchien entstehen neben den alten. Sie ziehen die Erstklassigen an, die im alten System keine Chance haben. Sie wachsen. Irgendwann ersetzen sie das Alte. Das ist das Prinzip von Mondragón. Das ist das Prinzip von Silicon Valley. Das ist — vielleicht — ein Ausweg.
Der erste Weg ist nicht wählbar. Er passiert, ob man will oder nicht.
Der zweite Weg ist schwierig. Die alten Hierarchien verteidigen ihre Pfründe. Sie haben die Macht, das Geld, die Gesetze. Sie können Parallelstrukturen ersticken, bevor sie groß werden.
Aber sie können sie nicht verhindern.
IX. Die Hoffnung der Unkräuter
In den Ritzen zwischen den Pflastersteinen wächst Unkraut. Es ist nicht geplant. Es ist nicht gefördert. Es ist nicht erwünscht. Aber es wächst.
Die Erstklassigen, die das System ausstößt, verschwinden nicht. Sie suchen sich neue Orte. Sie bauen neue Strukturen. Sie finden einander.
Das ist die Hoffnung — wenn es eine gibt: Dass die Degeneration der alten Hierarchien Raum schafft. Dass in den Ruinen etwas Neues entsteht. Dass die Erstklassigen, die niemand wollte, ihre eigenen Systeme bauen.
Diese Systeme werden auch degenerieren. Auch sie unterliegen dem Gesetz. Aber sie werden für eine Generation funktionieren. Vielleicht für zwei. Und das ist mehr, als das Alte noch kann.
„Das Alte stirbt, und das Neue kann nicht geboren werden: In diesem Interregnum erscheinen die verschiedensten Krankheitssymptome."
— Antonio Gramsci
First-rate people hire first-rate people.
Second-rate people hire third-rate people.
Die Frage ist nicht, wie man das Gesetz ändert.
Die Frage ist, wo die Erstklassigen hingehen.