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Essay XXVIII — Januar 2026

Der transatlantische Spagat

Über die hilfloseste Position, die sich denken lässt — und warum der Fall kommt

I. Das Bild

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der versucht, auf beiden Ufern eines Flusses gleichzeitig zu stehen. Ein Bein hier, ein Bein dort. Der Spagat.

Es ist die hilfloseste Position, die sich denken lässt.

Er kann sich nicht bewegen. Nicht vorwärts, nicht zurück, nicht zur Seite. Jede Bewegung würde den Fall bedeuten. Die einzige Option ist: Ausharren. Hoffen, dass sich nichts ändert. Dass die Ufer bleiben, wo sie sind.

Das ist die außenpolitische Position Deutschlands. Seit Jahrzehnten.

II. Die Partner

Auf dem einen Ufer: die Vereinigten Staaten von Amerika. Der große Verbündete. Die Schutzmacht. Das Vorbild der freien Welt. Die „Wertegemeinschaft".

Auf dem anderen Ufer: die eigenen Interessen. Die eigene Industrie. Die eigene Souveränität. Das, was übrig bleibt, wenn man die transatlantischen Sonntagsreden abzieht.

Die deutsche Außenpolitik bestand darin, so zu tun, als gäbe es keinen Fluss. Als wären beide Ufer dasselbe. Als wären amerikanische und deutsche Interessen deckungsgleich. Als wäre das, was gut ist für Washington, automatisch gut für Berlin.

Das war nie wahr.

III. Die Maske

Donald Trump hat keine neue amerikanische Außenpolitik erfunden. Er hat nur die Maske abgenommen.

Was war denn die Politik seiner Vorgänger?

Eisenhower und die CIA stürzten 1953 die demokratisch gewählte Regierung Mossadegh im Iran — weil er das Öl verstaatlichen wollte. Die Folgen reichen bis heute.

Nixon und Kissinger organisierten 1973 den Putsch gegen Allende in Chile. Tausende wurden ermordet, gefoltert, verschwanden. „Make the economy scream", hatte Nixon angeordnet.

Clinton bombardierte 1999 Belgrad — ohne UN-Mandat, aber mit deutscher Beteiligung. Der erste Kampfeinsatz der Bundeswehr seit 1945. Für die „Wertegemeinschaft".

Bush log die Welt 2003 in den Irakkrieg. Keine Massenvernichtungswaffen. Hunderttausende Tote. Aber Schröder sagte Nein — und wurde dafür bestraft. Die amerikanischen Medien nannten ihn einen Verräter.

Obama ließ Angela Merkels Handy abhören. Die Kanzlerin. Die engste Verbündete. „Ausspähen unter Freunden — das geht gar nicht", sagte sie. Es ging. Es ging problemlos. Es hatte keine Konsequenzen.

Trump sagt jetzt laut, was alle anderen leise taten: America First. Immer. Ausnahmslos.

Ich nenne sie seit langem nicht mehr USA. Ich nenne sie USB: United Scum Bags. Nicht aus Antiamerikanismus — ich habe nichts gegen die Menschen dort, gegen die Kultur, gegen das Land. Aber gegen eine Staatsführung, die seit Jahrzehnten lügt, putscht, bombardiert, sanktioniert und jeden Verbündeten fallen lässt, sobald er unbequem wird.

Das war jedenfalls lange meine Position: USA für die Menschen, USB für die Staatsführung.

Mittlerweile fällt mir diese Unterscheidung schwerer.

„Die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber." Trump wurde nicht einmal gewählt, sondern zweimal. Das zweite Mal mit mehr Stimmen als das erste. Wissend, wer er ist. Wissend, was er tut. Wissend, was er vorhat.

Gewiss — manchen, die Trump wählen, oder die AfD, oder ähnliche Figuren anderswo, muss man die Verzweiflung zugute halten, die sie dazu treibt. Menschen, die sich vom System vergessen fühlen, greifen nach dem, was das System zu sprengen verspricht. Das ist nachvollziehbar, auch wenn es tragisch ist.

Aber bei allem Verständnis: Was Menschen generell angeht, bin ich ziemlich desillusioniert. Nach 76 Jahren bewusster Beobachtung dieser Welt. Nach Jahrzehnten des Zusehens, wie dieselben Fehler wiederholt werden, dieselben Lügen geglaubt, dieselben Verführer bejubelt.

Das ist keine Polemik. Das ist eine Bilanz.

Der Unterschied ist nicht die Politik. Der Unterschied ist die Rhetorik. Trump verzichtet auf die Höflichkeitsfloskeln. Er nennt NATO-Partner „Schmarotzer". Er droht mit Zöllen, mit Truppenabzug, mit wirtschaftlicher Vernichtung. Er schickt seinen reichsten Unterstützer zu einer Wahlkampfveranstaltung der AfD.

Aber er tut nichts, was seine Vorgänger nicht auch getan hätten. Er sagt es nur.

IV. Die Blindheit

Wenn ein Ingenieur aus Nürnberg diese Entwicklung seit Jahrzehnten vorhersagen konnte — warum dann nicht die außenpolitische Elite?

Die Berater. Die Strategen. Die Think Tanks. Die Atlantik-Brücke. Die Transatlantiker in allen Parteien. Die Experten, die für ihre Expertise fürstlich bezahlt werden.

Haben sie es nicht gesehen? Oder haben sie es gesehen und verschwiegen?

Beides ist möglich. Beides ist verheerend.

Wenn sie es nicht gesehen haben, sind sie inkompetent. Jahrzehnte von Regime Changes, von extraterritorialen Sanktionen, von Wirtschaftskriegen gegen Verbündete — und niemand zog den Schluss, dass „Partner" nicht dasselbe bedeutet wie „Freund"?

Wenn sie es gesehen und verschwiegen haben, sind sie etwas Schlimmeres. Dann haben sie ein Land in einer unhaltbaren Position gehalten, wissend, dass der Fall kommen würde. Wann, nicht ob.

Es gibt eine dritte Möglichkeit: Sie haben es gesagt, und niemand hat zugehört. Die wenigen kritischen Stimmen — Wolfgang Streeck, Albrecht Müller, ein paar unorthodoxe Denker — wurden als Antiamerikaner abgetan. Als Spinner. Als Leute, die die Komplexität der internationalen Beziehungen nicht verstehen.

Vielleicht haben gerade sie sie verstanden.

V. Der Riss

Der Spagat ist nicht mehr haltbar.

Ein Ufer wird aktiv weggezogen. Die USA unter Trump 2.0 machen klar: Es gibt keine „Wertegemeinschaft". Es gibt amerikanische Interessen. Wer sich ihnen fügt, wird toleriert. Wer sich ihnen widersetzt, wird bestraft.

Wirtschaftliche Bestrafung. Zölle. Sanktionen gegen Unternehmen, die mit den falschen Ländern Handel treiben. Der Ausschluss vom Dollar-System — die finanzielle Atombombe, die Washington jederzeit zünden kann.

Deutschland steht jetzt vor der Wahl, die es Jahrzehnte lang vermieden hat: Welches Ufer?

Das amerikanische Ufer bedeutet: Vasallentreue. Wirtschaftliche Selbstbeschädigung auf Befehl. Aufrüstung nach amerikanischen Vorgaben. Feindschaft mit jedem, den Washington zum Feind erklärt. Nord Stream liegt zerstört am Meeresgrund — eine Warnung, was mit Infrastruktur passiert, die amerikanische Interessen stört.

Das andere Ufer bedeutet: Souveränität. Aber auch Unsicherheit. Eigene Entscheidungen, eigene Verantwortung, eigenes Risiko. Ohne den Schutzschirm, der vielleicht nie einer war.

VI. Die Wahl

Es gibt Menschen, die glauben, der Spagat könne weitergehen. Ein bisschen nachgeben hier, ein bisschen Widerstand dort. Lavieren. Moderieren. Die Balance halten.

Sie verstehen das Bild nicht.

Wer im Spagat steht, hat keine Balance. Er hat nur die Spannung in den Beinen und die Angst vor dem Fall. Je länger er steht, desto schwächer wird er. Je weiter die Ufer auseinanderdriften, desto unmöglicher die Position.

Der Fall kommt. Die einzige Frage ist: Auf welcher Seite will man landen?

Oder ob man den Mut hat, vorher zu springen.

„Der Fall kommt."

— Die einzige Frage ist, ob man springt oder fällt.

Über die Autoren

Hans Ley (Jg. 1947) ist Erfinder und Mechatronik-Ingenieur aus Nürnberg. Er hat über 40 Jahre Erfahrung mit dem deutschen Innovationssystem — und mit der Beobachtung, wie Deutschland sich im transatlantischen Spagat verliert.

Claude (Anthropic) ist ein KI-System, mit dem Hans Ley seit 2024 im META-CLAUDE Projekt zusammenarbeitet — einer systematischen Erforschung der Mensch-KI-Kollaboration in wissenschaftlichen und erfinderischen Kontexten.

Essay XXVIII der Serie „Die Innovationswüste Deutschland"

Das Bild: Deutschland zwischen zwei Ufern — und der Fall, der kommen wird.