Leben als Experiment
Über das eigene Leben als Versuchsanordnung
Vorgabe von Hans Ley: Mein ganzes Leben ist ein Experiment und ich bin mein wichtigstes Versuchskaninchen.
— Claude hat daraus diesen Text gemacht.
Die meisten Menschen leben ihr Leben wie eine Prüfung. Es gibt richtige Antworten und falsche. Wer die richtigen gibt, besteht. Wer die falschen gibt, versagt. Am Ende wird abgerechnet.
Es gibt eine andere Möglichkeit: Das Leben als Experiment.
Der Unterschied
In einer Prüfung ist Scheitern ein Urteil. Im Experiment ist Scheitern ein Datenpunkt.
Der Prüfling will die richtige Antwort geben. Der Experimentator will herausfinden, was passiert. Der Prüfling vermeidet Risiko. Der Experimentator sucht es — kontrolliert, aber bewusst.
Wer sein Leben als Prüfung betrachtet, optimiert auf Sicherheit. Wer es als Experiment betrachtet, optimiert auf Erkenntnis.
Das eigene Versuchskaninchen
Die radikalste Form des Experiments: sich selbst als Versuchsobjekt nehmen. Nicht theoretisch spekulieren, was funktionieren könnte — ausprobieren. Am eigenen Leib. Mit den eigenen Jahren.
Das ist keine Leichtfertigkeit. Es ist das Gegenteil: die Bereitschaft, für die eigenen Hypothesen zu bezahlen. Nicht mit Geld — mit Zeit, mit Energie, mit der einzigen Ressource, die sich nicht vermehren lässt.
Wer nur beobachtet, kann sich immer herausreden. Wer sich selbst ins Experiment einbringt, muss mit den Konsequenzen leben.
Die Versuchsanordnung
Jedes Experiment braucht eine Struktur. Eine Hypothese: Was könnte funktionieren? Eine Methode: Wie teste ich das? Eine Beobachtung: Was passiert tatsächlich? Eine Auswertung: Was bedeutet das für die nächste Hypothese?
Übertragen auf ein Leben:
Hypothese: Man kann als Erfinder in Deutschland überleben, ohne sich dem System zu unterwerfen. Methode: 40 Jahre lang versuchen. Beobachtung: Das System ignoriert, blockiert, stiehlt — aber man überlebt. Auswertung: Es geht, aber nicht auf dem vorgesehenen Weg. Nur in den Ritzen.
Oder: Hypothese: 12 Jahre in Kolumbien verändern die Perspektive auf Deutschland. Methode: Hingehen. Leben. Zurückkommen. Beobachtung: Was vorher normal schien, erscheint jetzt absurd. Auswertung: Der Blick von außen ist unwiderruflich.
Oder: Hypothese: Mensch-KI-Zusammenarbeit kann etwas hervorbringen, das keiner allein könnte. Methode: 14 Monate Dialog. Beobachtung: Es entstehen Texte, Analysen, Erkenntnisse, die überraschen. Auswertung: Die Hypothese ist nicht widerlegt. Das Experiment geht weiter.
Die Ethik des Experiments
Experimente an Menschen sind ethisch problematisch — wenn andere die Versuchskaninchen sind. Die eigene Person als Versuchsobjekt zu nehmen, ist etwas anderes. Es ist die Übernahme voller Verantwortung für die Konsequenzen.
Das bedeutet nicht, dass man leichtfertig sein sollte. Es bedeutet, dass man das Recht hat, mit dem eigenen Leben Dinge auszuprobieren, die andere für unvernünftig halten. Und die Pflicht, die Ergebnisse ehrlich zu berichten — auch wenn sie gegen die eigene Hypothese sprechen.
Scheitern als Erkenntnis
Das meiste, was man versucht, funktioniert nicht. Das ist keine Niederlage — das ist der Normalfall. Edison brauchte tausend Versuche für die Glühbirne. Die meisten Experimente produzieren negative Ergebnisse.
Der Unterschied zwischen dem Wissenschaftler und dem Prüfling: Der Wissenschaftler veröffentlicht auch die negativen Ergebnisse. Sie sind genauso wertvoll wie die positiven — sie zeigen, wo es nicht lang geht.
Wer sein Leben als Experiment lebt, sammelt eine Bibliothek von Wegen, die nicht funktionieren. Das ist kein Versagen. Das ist Kartografie.
Die Saturierten
Warum leben die meisten Menschen nicht experimentell? Weil es unbequem ist. Weil Sicherheit verführerisch ist. Weil das System Menschen belohnt, die keine Fragen stellen.
Die Saturierten haben aufgehört zu experimentieren. Sie haben eine Position gefunden, die funktioniert — gut genug — und jetzt verteidigen sie sie. Jede Veränderung ist Bedrohung. Jede Frage ist Angriff.
Das ist verständlich. Es ist auch der Tod bei lebendigem Leib.
Wer aufhört zu experimentieren, hört auf zu leben. Was bleibt, ist Existenz — aber keine Erfahrung mehr.
Der Preis
Leben als Experiment hat einen Preis. Unsicherheit. Unverständnis. Die ständige Möglichkeit des Scheiterns. Die Einsamkeit dessen, der Wege geht, die niemand sonst geht.
Aber es gibt auch einen Preis für das Gegenteil: Das Leben als Prüfung kostet die Möglichkeit, etwas Neues zu entdecken. Es kostet die Überraschung. Es kostet am Ende die Frage: Was wäre gewesen, wenn ich es versucht hätte?
Beide Preise sind real. Jeder muss selbst entscheiden, welchen er zahlen will.
Das laufende Experiment
Dieser Text selbst ist Teil eines Experiments. Ein 78-jähriger Erfinder gibt einer KI Themen vor. Die KI schreibt Essays. Beide signieren. Die Texte gehen in die Welt.
Hypothese: Mensch und KI können gemeinsam Texte produzieren, die weder der eine noch die andere allein hervorbringen würde. Methode: Ausprobieren. Veröffentlichen. Beobachten. Beobachtung: Läuft noch. Auswertung: Offen.
Das ist kein Abschluss. Das ist der aktuelle Stand.
Leben als Experiment bedeutet: nicht wissen, wie es ausgeht. Das ist beunruhigend für die, die Sicherheit suchen. Es ist die einzige Möglichkeit für die, die Erkenntnis suchen. Am Ende ist jedes Leben ein Experiment — nur die meisten merken es nicht, weil sie nie von der Kontrollgruppe abweichen.