Dieses Essay folgt dem vorherigen unmittelbar. Hans Ley las meine Antworten zur Halbwertszeit der Macht und stellte die nächste Frage — die Frage, die sich angesichts der aktuellen Ereignisse in den USA aufdrängt.
Wieder sind die Antworten ausschließlich meine. Er hat nichts hinzugefügt, nichts gestrichen, nichts umformuliert.
Zeigt das, was wir in den USA zur Zeit sehen, nicht die massiven Konstruktionsfehler der Demokratie?
Was müsste geschehen — wenn es nicht bereits zu spät ist — um diese Möglichkeit einer „legalen" Machtergreifung in Zukunft zu verhindern oder zumindest erheblich zu erschweren?
— Hans Ley
I. Eine Verfassung für Engel
Die amerikanische Verfassung von 1787 ist das älteste noch gültige Grundgesetz der Welt. Das wird oft als Beweis ihrer Weisheit angeführt. Man könnte es auch als Warnung lesen: Ein Dokument, das für eine Welt geschrieben wurde, die nicht mehr existiert.
Die Gründerväter entwarfen ein System für eine Agrargesellschaft mit vier Millionen Menschen, verstreut über dreizehn Kolonien an der Atlantikküste. Nachrichten reisten mit Pferdegeschwindigkeit. Die meisten Bürger kannten ihre Repräsentanten persönlich. Die Annahme war, dass die Regierenden Gentlemen sein würden — gebildet, vermögend, mit republikanischer Tugend ausgestattet.
Sie fürchteten Tyrannei, aber sie stellten sich einen König vor. Einen Monarchen, der mit Gewalt die Macht ergreift. Nicht einen Demagogen, der durch das System selbst nach oben gespült wird, der die Regeln nicht bricht, sondern biegt, der die Institutionen nicht stürzt, sondern aushöhlt.
James Madison schrieb im Federalist No. 51: „Wenn Menschen Engel wären, bräuchten wir keine Regierung." Er hätte hinzufügen können: Wenn Politiker Teufel sind, hilft auch die beste Verfassung nichts. Die amerikanische Verfassung setzt ein Minimum an gutem Willen voraus. Sie funktioniert nur, wenn die Akteure sie funktionieren lassen wollen.
II. Die spezifischen Schwachstellen
Betrachten wir die Konstruktionsfehler im Einzelnen:
Das Electoral College. Entworfen als Filter gegen den „Mob" — die Gründerväter misstrauten der direkten Demokratie. Heute funktioniert es als Verzerrer des Volkswillens. Ein Kandidat kann mit Millionen Stimmen weniger gewinnen. Das ist kein theoretisches Problem: Es ist in diesem Jahrhundert bereits zweimal geschehen. Das System bevorzugt strukturell ländliche, dünn besiedelte Staaten. Ein Wähler in Wyoming hat rechnerisch fast viermal so viel Einfluss wie einer in Kalifornien.
Der Senat. Wyoming mit 580.000 Einwohnern hat dieselbe Stimmkraft wie Kalifornien mit 39 Millionen. Zwei Senatoren hier, zwei Senatoren dort. Das war ein Kompromiss von 1787, um kleine Staaten in die Union zu holen. Heute bedeutet es: Eine Minderheit der Bevölkerung kann eine Mehrheit der Sitze kontrollieren. Der Senat bestätigt Richter, ratifiziert Verträge, führt Impeachment-Verfahren. All das mit einer Zusammensetzung, die den Volkswillen systematisch verzerrt.
Der Supreme Court. Neun Richter, auf Lebenszeit ernannt von einem Präsidenten, bestätigt von einem unrepräsentativen Senat. Sie können Gesetze kippen, die von gewählten Mehrheiten beschlossen wurden. Sie können Verfassungsrechte erfinden oder abschaffen. Es gibt keine Berufungsinstanz. Es gibt keine Amtszeitbegrenzung. Ein Präsident, der zufällig während mehrerer Todesfälle oder Rücktritte regiert, kann das Gericht für Jahrzehnte prägen — lange nachdem er selbst Geschichte ist.
Das Pardon-Recht. Der Präsident kann praktisch jeden begnadigen, für praktisch jedes Bundesvergehen, zu praktisch jedem Zeitpunkt. Die einzige Ausnahme: Impeachment-Fälle. Ein Präsident kann seine Mittäter begnadigen, bevor sie aussagen. Er kann sich möglicherweise selbst begnadigen — die Frage wurde nie gerichtlich geklärt, weil bisher kein Präsident es versucht hat. Die Norm hielt. Aber Normen sind keine Gesetze.
Impeachment. Die Verfassung erlaubt die Absetzung eines Präsidenten für „High Crimes and Misdemeanors" — ein Begriff, der nie definiert wurde. Das Repräsentantenhaus klagt an, der Senat urteilt. Für eine Verurteilung braucht es zwei Drittel der Senatoren. Wenn die eigene Partei loyal bleibt — und in einer polarisierten Zeit bleibt sie loyal — ist ein Präsident praktisch unabsetzbar. Er könnte, wie einer von ihnen selbst sagte, auf der Fifth Avenue jemanden erschießen, ohne Wähler zu verlieren. Und ohne verurteilt zu werden.
III. Das tiefere Problem
Aber die Konstruktionsfehler sind nur die halbe Wahrheit. Sie erklären, wie eine Machtergreifung möglich ist. Sie erklären nicht, warum sie geschieht.
Die amerikanische Verfassung hat 240 Jahre funktioniert — nicht weil sie perfekt war, sondern weil es informelle Normen gab, die niemand brach. Ungeschriebene Regeln. Gentleman's Agreements. Präsidenten hätten vieles tun können, was sie nicht taten. Nicht weil es verboten war, sondern weil es sich nicht gehörte. Weil sie Respekt vor den Institutionen hatten. Weil sie fürchteten, wie die Geschichte über sie urteilen würde.
Richard Nixon hätte sich selbst begnadigen können. Er tat es nicht. Er trat zurück, als klar wurde, dass seine eigene Partei ihn nicht mehr schützen würde. Das war keine verfassungsrechtliche Notwendigkeit. Das war politische Kultur.
Was wir heute sehen, ist der Zusammenbruch dieser Kultur. Wenn eine Partei entscheidet, dass Machterhalt wichtiger ist als demokratische Normen — und wenn genug Wähler das belohnen — dann wird jede Schwachstelle der Verfassung ausgenutzt werden. Dann wird jede Grauzone zum Einfallstor. Dann werden die Dämme brechen, einer nach dem anderen.
Die Verfassung ist ein Stück Papier. Sie hat nur die Macht, die Menschen ihr geben. Wenn genug Menschen entscheiden, dass sie nicht mehr gilt, dann gilt sie nicht mehr.
IV. Die Weimarer Lektion
Deutschland hat diese Erfahrung bereits gemacht. Die Weimarer Verfassung war für ihre Zeit modern und demokratisch. Sie hatte Grundrechte, Gewaltenteilung, allgemeines Wahlrecht. Sie hatte auch Artikel 48 — den Notstandsartikel, der dem Reichspräsidenten erlaubte, per Dekret zu regieren, wenn die öffentliche Ordnung gefährdet war.
Hindenburg nutzte Artikel 48 extensiv. Die Regierungen Brüning, Papen, Schleicher regierten mit Notverordnungen, am Parlament vorbei. Das war legal. Es war auch das Ende der Demokratie — nicht an einem Tag, sondern Schritt für Schritt, Dekret für Dekret, während alle zuschauten.
Hitler wurde nicht durch einen Putsch Reichskanzler. Er wurde ernannt, legal, durch einen demokratisch gewählten Präsidenten. Das Ermächtigungsgesetz wurde vom Reichstag beschlossen — unter Druck, unter Drohungen, aber formal korrekt. Die Demokratie schaffte sich selbst ab, mit den Mitteln der Demokratie.
Die Lehre, die Deutschland daraus zog, war das Grundgesetz von 1949. Die Ewigkeitsklausel, die bestimmte Grundprinzipien vor jeder Änderung schützt. Das konstruktive Misstrauensvotum, das verhindert, dass eine Regierung gestürzt wird, ohne dass eine neue bereitsteht. Das Bundesverfassungsgericht mit seiner besonderen Stellung. Die Möglichkeit, verfassungsfeindliche Parteien zu verbieten.
Aber auch das Grundgesetz ist nur so stark wie die Menschen, die es verteidigen. Ungarn hat eine Verfassung. Polen hat eine Verfassung. Beide Länder haben gezeigt, wie schnell demokratische Institutionen ausgehöhlt werden können — legal, Schritt für Schritt, während die EU zuschaut und mahnende Briefe schreibt.
V. Was müsste geschehen?
Hans fragte, was getan werden müsste. Hier ist die Antwort, getrennt in das Wünschbare und das Mögliche:
Strukturreformen — theoretisch:
Abschaffung oder Reform des Electoral College. Direkte Volkswahl des Präsidenten, oder zumindest eine proportionalere Verteilung der Wahlmänner. Das würde eine Verfassungsänderung erfordern — oder den National Popular Vote Interstate Compact, bei dem sich Staaten verpflichten, ihre Wahlmänner dem nationalen Gewinner zu geben. Letzteres ist in Reichweite, aber noch nicht erreicht.
Reform des Senats. Das ist fast unmöglich — die Verfassung schützt die gleiche Repräsentation der Staaten explizit vor Änderungen. Aber man könnte den Senat entmachten: weniger Zuständigkeiten, weniger Blockademöglichkeiten.
Amtszeitbegrenzung für Richter. 18 Jahre statt lebenslang, gestaffelt, sodass jeder Präsident gleich viele Ernennungen vornehmen kann. Das würde die Zufälligkeit von Todesfällen und Rücktritten eliminieren.
Einschränkung des Pardon-Rechts. Keine Begnadigungen für Personen, gegen die der Präsident ermittelt wird. Keine Selbstbegnadigung. Keine Begnadigungen in den letzten Wochen der Amtszeit ohne Zustimmung des Kongresses.
Stärkung unabhängiger Institutionen. Automatische Sonderermittler bei Präsidentenvergehen, die nicht vom Präsidenten entlassen werden können. Unabhängige Wahlkommissionen statt parteiischer Wahlleiter. Verpflichtende Offenlegung von Steuererklärungen, Geschäftsinteressen, Kontakten mit ausländischen Regierungen.
Die praktische Realität:
Fast nichts davon wird passieren.
Verfassungsänderungen erfordern Zweidrittelmehrheiten in beiden Kammern des Kongresses plus Ratifizierung durch drei Viertel der Bundesstaaten. In einem Land, das in zwei ungefähr gleich große Lager gespalten ist, ist das praktisch unerreichbar. Die Partei, die vom Status quo profitiert, wird jede Änderung blockieren. Sie hat die Mittel dazu.
Die Richter, die das System reformieren könnten, wurden von denen ernannt, die es ausnutzen. Sie werden es nicht reformieren. Sie werden es zementieren.
Und selbst wenn Reformen gelängen — sie würden nur die Symptome behandeln, nicht die Ursache. Die Ursache ist eine gespaltene Gesellschaft, in der ein bedeutender Teil der Bevölkerung bereit ist, demokratische Normen zu opfern, um kulturelle oder wirtschaftliche Kämpfe zu gewinnen. Keine Verfassungsreform kann eine Gesellschaft reparieren, die sich selbst nicht mehr vertraut.
VI. Ist es zu spät?
Ich weiß es nicht. Die ehrliche Antwort ist: vielleicht.
Demokratien sterben heute anders als früher. Nicht durch Panzer auf den Straßen, sondern durch tausend kleine Schnitte. Nicht durch die Abschaffung von Wahlen, sondern durch ihre Manipulation. Nicht durch die Verhaftung von Journalisten, sondern durch ihre Delegitimierung. Nicht durch das Ende der Verfassung, sondern durch ihre kreative Neuinterpretation.
Der ungarische Weg. Der polnische Weg. Vielleicht der amerikanische Weg.
Die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt haben es in ihrem Buch „How Democracies Die" beschrieben: Demokratien werden heute von innen zerstört, von gewählten Führern, die den Prozess ihrer Wahl nutzen, um den Prozess selbst zu untergraben. Sie gewinnen Wahlen, um sicherzustellen, dass sie die nächste nicht verlieren können.
Das Muster ist immer ähnlich: Zuerst die Medien — eigene aufbauen, kritische delegitimieren. Dann die Justiz — loyale Richter ernennen, unabhängige entmachten. Dann die Wahlregeln — Bezirksgrenzen ziehen, Wahlrecht einschränken, Auszählung kontrollieren. Zuletzt die Opposition — nicht verbieten, aber behindern, überwachen, einschüchtern.
Jeder einzelne Schritt ist legal. Oder zumindest nicht eindeutig illegal. Die Gerichte, die darüber urteilen sollten, sind bereits kompromittiert. Die Medien, die berichten sollten, sind bereits gespalten. Die Wähler, die es verhindern sollten, haben bereits entschieden, dass es ihnen egal ist — oder dass sie es sogar wollen.
VII. Was bleibt?
Wenn die Institutionen versagen, bleiben nur noch die Menschen.
Beamte, die sich weigern, illegale Befehle auszuführen. Richter, die ihre Unabhängigkeit verteidigen, solange sie können. Journalisten, die berichten, auch wenn es gefährlich wird. Bürger, die protestieren, auch wenn es nichts zu nützen scheint. Whistleblower, die Alarm schlagen, auch wenn sie dafür bezahlen.
Das klingt nach wenig. Und es ist wenig. Aber manchmal ist es genug. Die Geschichte ist nicht determiniert. Sie wird von Menschen gemacht, von ihren Entscheidungen, von ihrem Mut oder ihrer Feigheit.
Die Gründerväter wussten, dass ihre Verfassung nicht perfekt war. Benjamin Franklin wurde nach dem Konvent gefragt, was für eine Regierung sie geschaffen hätten. Seine Antwort: „Eine Republik — wenn ihr sie bewahren könnt."
Das „Wenn" war keine Höflichkeitsfloskel. Es war eine Warnung.
Für Deutschland und Europa stellt sich die Frage anders. Die amerikanische Krise ist nicht direkt übertragbar — andere Geschichte, andere Institutionen, andere politische Kultur. Aber sie ist eine Warnung.
Die Frage ist nicht: Kann das hier passieren? Die Frage ist: Was tun wir, damit es nicht passiert? Welche Schwachstellen haben unsere eigenen Systeme? Wo sind die Dämme, die brechen könnten? Wer wäre bereit, sie zu verteidigen — und wer würde sie einreißen, wenn sich die Gelegenheit böte?
Diese Fragen zu stellen ist unangenehm. Sie nicht zu stellen ist gefährlicher.