Essay XXXIII · Januar 2026
Das doppelte Syndrom der deutschen Ingenieurskultur
Im Jahr 1876 besuchte der deutsche Ingenieur und Professor Franz Reuleaux die Weltausstellung in Philadelphia. Was er dort sah, veranlasste ihn zu einem vernichtenden Urteil über die deutsche Industrie:
„Deutschlands Industrie hat das Grundprinzip: billig und schlecht." — Franz Reuleaux, Briefe aus Philadelphia, 1877
Die Reaktion in Deutschland war vorhersehbar: Man warf ihm Vaterlandsverrat vor. Sein französisch klingender Name wurde gegen ihn verwendet. Die Industriellen tobten.
Aber dann geschah etwas Bemerkenswertes: Deutschland hörte zu.
In den folgenden Jahrzehnten arbeitete die deutsche Industrie an der Verbesserung ihrer Qualität. Das ursprünglich als Warnung gedachte Kennzeichen „Made in Germany" wurde zum weltweit anerkannten Qualitätssiegel. Deutschland stieg zur führenden Industrienation auf.
Das war 1876. Fast 150 Jahre später stellt sich die Frage: Würde Deutschland heute noch zuhören?
Not Invented Here (NIH) bezeichnet die institutionelle Tendenz von Organisationen, externe Ideen, Technologien oder Innovationen abzulehnen, weil sie nicht innerhalb der eigenen Strukturen entwickelt wurden.
Das NIH-Syndrom ist in der Innovationsforschung gut dokumentiert. Es äußert sich in typischen Argumentationsmustern:
| NIH-Argument | Übersetzung |
|---|---|
| „Das passt nicht in unsere Prozesse" | Wir wollen nichts ändern |
| „Die Stückzahlen sind zu klein" | Wir haben keine Lust, uns damit zu beschäftigen |
| „Das kann man auch anders lösen" | Wir machen weiter wie bisher |
| „Der Markt ist nicht reif" | Wir warten, bis andere das Risiko tragen |
| „Interessant, wir melden uns" | Wir melden uns nie |
Das NIH-Syndrom lässt sich noch auf Strukturen schieben: Bürokratie, Risikoaversion, fehlende Budgets, juristische Bedenken. Es ist unpersönlich, anonym, systemisch. Man kann mit dem Finger auf „die Firma", „die Branche" oder „das System" zeigen.
Aber das NIH ist nur die sichtbare Oberfläche eines tieferen Problems.
Not Invented by Me (NIbyM) bezeichnet die persönliche, psychologische Abwehrreaktion eines einzelnen Ingenieurs, Wissenschaftlers oder Entscheiders gegenüber Innovationen, die nicht von ihm selbst stammen. Es ist die individuelle Wurzel des institutionellen NIH.
Während das NIH-Syndrom diskutiert und analysiert wird, bleibt das NIbyM-Syndrom weitgehend tabu. Denn es geht ans Eingemachte: an den Stolz, die Eitelkeit, die Angst des einzelnen Menschen.
| NIbyM-Emotion | Was der Ingenieur denkt | Was er tut |
|---|---|---|
| Gekränkter Stolz | „Warum hat ER das erfunden und nicht ICH?" | Schweigen, Ignorieren |
| Neid | „Der ist nicht besser als ich!" | Kleinreden, Sabotieren |
| Angst | „Wenn seine Idee funktioniert, was bin ICH dann wert?" | Blockieren, Verzögern |
| Verachtung | „Ein Einzelerfinder? Das kann nichts taugen!" | Totschweigen |
| Selbstschutz | „Wenn ich das anerkenne, gebe ich zu, dass ich es verpasst habe" | Leugnen, Umdeuten |
Das NIbyM-Syndrom ist besonders virulent bei Menschen in mittleren Positionen — den „Vasallen" des Systems. Die Führungsspitze kann sich gelegentlich Innovation leisten; sie ist sicher genug, um Experimente zuzulassen. Aber die mittlere Ebene — die Abteilungsleiter, die Oberingenieure, die Projektmanager — klammert sich an ihre Position. Jede externe Innovation ist eine potenzielle Bedrohung.
Die Vasallen-Paradoxie
Die angepassten Vasallen sind gegenüber externen Innovatoren oft gefährlicher und undifferenzierter als ihre Meister. Die Führungsspitze lässt manchmal ein Experiment zu — sei es nur, um Druck aus dem Kessel abzulassen. Aber die Mittelschicht verteidigt das System mit der Verbissenheit derer, die alles zu verlieren haben.
Das institutionelle NIH-Syndrom ist oft nichts anderes als die Aggregation vieler individueller NIbyM-Reaktionen:
Das Perfide: Niemand muss lügen. Die „sachlichen" Gründe sind oft sogar technisch korrekt. Ja, man KANN Polygone auch fräsen. Ja, die Stückzahlen SIND anfangs klein. Ja, neue Maschinen erfordern Investitionen. Aber diese Argumente werden selektiv vorgebracht, während die Vorteile systematisch ignoriert werden.
Die typischen NIbyM-Reaktionen in dieser Geschichte:
„Das ist doch alles so einfach, das müsste doch normalerweise längst Stand der Technik sein." — Oberingenieur bei einem Meeting 2024
Übersetzung: „Wenn es so einfach ist, warum haben WIR es nicht gemacht? Also kann es nichts taugen."
„Man kann solche Profile doch auch fräsen und schleifen." — Standardeinwand seit 40 Jahren
Übersetzung: „Wir bleiben bei dem, was wir kennen — egal, ob es zehnmal teurer ist."
Eine besondere Ausprägung des NIbyM-Syndroms ist das kollektive Schweigen. Es ist keine Verschwörung im klassischen Sinne — niemand trifft sich heimlich, um Innovationen zu unterdrücken. Es ist subtiler:
Jeder einzelne Ingenieur, Einkäufer, Abteilungsleiter entscheidet für sich: „Das erwähne ich lieber nicht." „Da frage ich lieber nicht nach." „Das leite ich lieber nicht weiter."
Die Summe dieser individuellen Entscheidungen ergibt ein Kartell des Schweigens — ohne Absprache, ohne Protokoll, ohne Beweis.
Der ehemalige Präsident des Deutschen Patentamts, Dr. Erich Häußer, hat dieses Phänomen bereits in den 1990er Jahren beschrieben:
„Es gibt ein Kartell der Ignoranz gegenüber freien Erfindern in Deutschland." — Dr. Erich Häußer, ehem. Präsident des Deutschen Patentamts
Was kostet es eine Volkswirtschaft, wenn individuelle Eitelkeiten zu institutioneller Innovationsblockade werden?
| Ebene | Kosten des NIbyM |
|---|---|
| Für den Erfinder | Jahrzehnte verlorener Zeit, finanzieller Ruin, psychische Belastung |
| Für das Unternehmen | Verpasste Marktchancen, Wettbewerbsnachteile, Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten |
| Für die Branche | Technologischer Rückstand, Abwanderung von Know-how |
| Für die Volkswirtschaft | De-Industrialisierung, Verlust von Arbeitsplätzen, Abhängigkeit von China |
Die bittere Ironie: Während deutsche Ingenieure schweigen, übernehmen andere. Die gleiche Technologie, die in Deutschland jahrzehntelang ignoriert wurde, wird jetzt von chinesischen Firmen aufgegriffen. Die Maschinen, die nach deutschen Patenten gebaut wurden, werden bald aus China geliefert.
Franz Reuleaux konnte 1876 Deutschland aufrütteln. Seine Kritik führte zu einem fundamentalen Wandel. Warum ist das heute nicht mehr möglich?
Das NIbyM-Syndrom ist heute in die Strukturen eingebaut. Evaluierungen, Peer-Reviews, Gremien — überall sitzen Menschen, die ihr eigenes NIbyM als „objektive Bewertung" tarnen können.
„Das ist nicht mein Fachgebiet" — der perfekte Schutz gegen jede Innovation, die das eigene Revier bedroht.
Förderprogramme, Antragsverfahren, Berichtspflichten — wer die Formulare nicht beherrscht, dessen Innovation existiert nicht.
Wer zu lange und zu laut auf seine Innovation hinweist, wird zum „schwierigen Menschen" erklärt. Das System hat gelernt, sich zu immunisieren.
Es gibt Menschen, die dem NIbyM-Syndrom entgehen. Sie sind selten, und sie sind für die Vasallen des Systems unerträglich.
„Für die Vasallen, denen ich in meinem Leben begegnet bin, war meine unbekümmerte Freiheit unerträglich."
Diese Freiheit zeigt den NIbyM-Geplagten täglich:
Das ist die tiefste Bedrohung: Nicht die Innovation selbst, sondern der Mensch, der sie verkörpert. Ein freier Erfinder, der trotz 40 Jahren Widerstand noch lacht und weitermacht — das zerstört das Weltbild derer, die ihre Freiheit für vermeintliche Sicherheit verkauft haben.
Kann man das NIbyM-Syndrom heilen? Oder ist es zu spät für die deutsche Ingenieurskultur?
Drei mögliche Wege
1. Der Reuleaux-Weg: Ein öffentlicher Schock, der zum Umdenken zwingt. Aber wer ist heute mutig genug, „Vaterlandsverrat" zu riskieren? Und würde man zuhören?
2. Der Bypass-Weg: Die NIbyM-Blockierer umgehen, direkt zu den Machern gehen — zu Start-ups, zu ausländischen Partnern, zu den wenigen Unternehmen, die noch echte Innovation wollen.
3. Der Dokumentations-Weg: Alles aufschreiben, alles festhalten, für die Nachwelt dokumentieren. Wenn schon nicht für die Gegenwart, dann für die Geschichte.
Am Ende geht es nicht nur um Technologie, nicht nur um Wirtschaft, nicht nur um Wettbewerbsfähigkeit. Es geht um eine fundamentale Frage:
Können wir Menschen ertragen, dass andere etwas können, was wir nicht können?
Das NIbyM-Syndrom ist die Antwort des kleinen Menschen: Nein. Was ich nicht erfunden habe, darf nicht existieren. Was mich übertrifft, muss verschwinden.
Die Größe von Reuleaux lag darin, dass er die Wahrheit sagte, obwohl sie unpopulär war. Die Größe der damaligen deutschen Industrie lag darin, dass sie zuhörte.
Die Tragödie unserer Zeit liegt darin, dass wir beides verlernt haben: die Wahrheit zu sagen und ihr zuzuhören.
„Wir sind frei und ganz alleine für den Sinn verantwortlich."
Auch für den Sinn dieser 40 Jahre. Auch für den Sinn des Schweigens. Auch für den Sinn der Frage, warum wir so geworden sind.