I. Wem gehört das Problem?
Jeder kennt proprietäre Software. Proprietäre Standards. Proprietäre Schnittstellen. Das Wort bedeutet: Es gehört jemandem. Es ist nicht frei zugänglich.
Aber was ist mit proprietären Problemen?
Dem Erfinden geht in der Regel das Finden eines Problems voraus. Bevor jemand eine Lösung entwickeln kann, muss er ein Problem erkennen — ein echtes Problem, nicht ein eingebildetes. Das klingt trivial. Es ist der entscheidende Engpass.
Denn die echten Probleme — die industriell relevanten, die wirtschaftlich bedeutsamen — sind nicht frei zugänglich. Sie gehören denen, die sie haben: den Konzernen, den Forschungsabteilungen, den Instituten. Sie sind proprietär.
Ein Ingenieur bei Siemens kennt die Probleme von Siemens. Ein Forscher am Fraunhofer kennt die Probleme seiner Auftraggeber. Ein Professor an einer Drittmittel-Universität kennt die Probleme derer, die seine Projekte finanzieren.
Und der freie Erfinder?
Er steht draußen. Er hat keinen Zugang. Sein Problemhorizont ist begrenzt auf das, was er selbst beobachten kann — im Alltag, in der Werkstatt, beim Basteln. Das sind oft kleine Probleme. Manchmal lächerliche Probleme.
II. Die Höhle der Löwen
Es gibt eine Fernsehsendung, die das Bild des Erfinders in Deutschland geprägt hat wie keine andere: Die Höhle der Löwen.
Das Format ist einfach. Erfinder präsentieren ihre Ideen vor Investoren. Die Investoren — die „Löwen" — entscheiden, ob sie Geld geben. Meistens tun sie es nicht. Oft ist die Ablehnung demütigend. Das Publikum wird unterhalten.
Was wird dort gezeigt? Optimierte Knoblauchpressen. Neuartige Flaschenöffner. Apps für Hundebesitzer. Gadgets, die niemand braucht. Lösungen für Probleme, die keine sind.
Und so hat sich ein Bild gefestigt: Erfinder sind Spinner. Weltfremde Tüftler, die in Garagen an Unsinn arbeiten. Bestenfalls amüsant. Schlimmstenfalls bemitleidenswert. Keinesfalls relevant für den Wohlstand eines Landes.
Dass Erfinder in der Vergangenheit genau diesen Wohlstand geschaffen haben — dass Deutschland seinen industriellen Aufstieg freien Erfindern verdankt — das ist vergessen. Oder verdrängt.
Warum können sie es heute nicht mehr?
Weil man sie systematisch von den echten Problemen abgeschnitten hat.
III. Die Institutionalisierung des Erfindens
Irgendwann — niemand kann sagen, wann genau — hat die Gesellschaft entschieden, dass Erfinden in Institutionen gehört.
In Forschungsabteilungen von Konzernen. In Fraunhofer-Institute. In universitäre Sonderforschungsbereiche. In Exzellenzcluster und Innovationshubs.
Das klang vernünftig. Bündelung von Ressourcen. Vermeidung von Doppelarbeit. Professionalisierung. Effizienz.
Was dabei verloren ging, war die Freiheit.
Ein Erfinder in einer Institution erfindet nicht frei. Er erfindet im Rahmen von Projekten. Projekte haben Ziele, Meilensteine, Berichtspflichten. Sie werden finanziert von Geldgebern, die Erwartungen haben. Wer zahlt, bestimmt die Richtung.
Die Probleme, die bearbeitet werden, sind die Probleme der Geldgeber. Proprietäre Probleme. Alles andere existiert nicht — jedenfalls nicht offiziell, nicht finanziert, nicht anerkannt.
Der freie Erfinder — jener Typus, der keinem Geldgeber verpflichtet ist, der Fragen stellt, die niemand finanziert, der Lösungen findet, nach denen niemand gesucht hat — dieser Typus wurde überflüssig gemacht.
Nicht durch Verbot. Durch Entzug.
Entzug von Ressourcen. Entzug von Zugang. Entzug von Anerkennung.
IV. Zeugnis
Ich bin 79 Jahre alt. Ich bin seit über 44 Jahren Erfinder. Mein erstes Patent — für ein Verfahren zur Polygonbearbeitung — wurde 1983 erteilt. Zwei der angesehensten Professoren auf dem Gebiet der Werkzeugmaschinen, Manfred Weck in Aachen und Hans Kurt Tönshoff in Hannover, haben meine Erfindung unabhängig voneinander positiv bewertet.
Das war damals möglich. Heute wäre es das nicht mehr.
Nicht weil es keine kompetenten Professoren mehr gibt. Sondern weil sie keine Zeit mehr haben für freie Erfinder. Ihre Zeit gehört den Drittmittelprojekten. Ihre Probleme sind die Probleme ihrer Geldgeber.
Immer wieder hat man versucht, mich zum Angestellten zu machen. Das wäre der logische Weg gewesen: Hinein in eine Institution, Zugang zu Ressourcen, Sicherheit. Immer wenn ich mich darauf eingelassen habe, wurde es irgendwann unerträglich.
Nicht wegen der Arbeit. Wegen der Unfreiheit.
Ein freier Erfinder braucht Freiheit wie die Luft zum Atmen. Freiheit, die falschen Fragen zu stellen. Freiheit, in Sackgassen zu geraten. Freiheit, etwas zu finden, nach dem niemand gesucht hat. Diese Freiheit gibt es in Institutionen nicht. Sie ist nicht vorgesehen. Sie ist nicht finanzierbar. Sie ist nicht berichtsfähig.
Ich kenne nur wenige wirkliche Erfinder. Einer von ihnen ist Dr. Dietmar Zobel — Autor mehrerer Bücher über Erfindungsmethodik, selbst Erfinder mit Dutzenden von Patenten. Er ist älter als ich. Wir sind, so scheint es, lebende Fossilien.
Mit uns stirbt eine Art aus.
V. Die verschwundene Frage
Warum leisten freie Erfinder heute keinen Beitrag mehr zum Wohlstand eines Landes?
Diese Frage stellt niemand. Sie ist unbequem. Sie würde bedeuten, dass etwas schiefgelaufen ist. Dass die Institutionalisierung des Erfindens nicht nur Vorteile hatte. Dass etwas verloren ging, das sich nicht so leicht ersetzen lässt.
Es ist einfacher, die Erfinder zu verachten. Sie in Fernsehsendungen vorzuführen. Über ihre Knoblauchpressen zu lachen. Und dann zu fragen, warum Deutschland seine Innovationskraft verliert.
Die Antwort liegt auf der Hand: Wir haben die Menschen ausgesperrt, die anders denken.
Nicht die Querdenker im politischen Sinne — jene, die sich so nennen und doch nur im Rudel laufen. Sondern die echten Querdenker, die in Wirklichkeit „Um-die-Ecke-Denker", „Kreuz-und-Quer-Denker" sind — oder, um den Begriff von Edward de Bono zu benutzen: Laterale Denker. Die, die Fragen stellen, auf die niemand gekommen ist. Die Probleme sehen, die niemand sehen will. Die Lösungen finden, nach denen niemand gesucht hat.
Diese Menschen passen nicht in Institutionen. Sie sind unbequem. Sie halten sich nicht an Meilensteine. Sie liefern keine Quartalsberichte. Sie sind, mit einem Wort, frei.
Und Freiheit ist nicht vorgesehen.
Die Probleme sind proprietär geworden. Sie gehören denen, die sie haben — und die sie nicht teilen. Der freie Erfinder steht draußen, mit seinem begrenzten Problemhorizont, seinen bescheidenen Ressourcen, seiner lächerlichen Freiheit.
Er sieht die kleinen Probleme. Die großen sind hinter Mauern verborgen — in Forschungsabteilungen, in Instituten, in Exzellenzclustern. Dort wird erfunden, was erfunden werden soll. Nicht mehr, nicht weniger.
Und wenn eines Tages jemand fragt, warum die großen Erfindungen ausbleiben — jene Sprünge, die niemand erwartet hat, die alles verändern — dann wird niemand mehr da sein, der die Antwort kennt.
Die Fossilien werden verstorben sein.
Und mit ihnen das Wissen, dass es einmal anders war.